Eine kurze Geschichte über die Gasballone

 
Der Mensch lernt fliegen:
Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Die Sage von Ikarus und Dädalus erzählt uns darüber. Leonardo da Vinci zeichnete Ballone und Flugmaschinen. Doch erst Jahrhunderte später, zu Beginn der Industrialisierung, gelang es den Brüdern Jacques und Etienne de Montgolfier einen aus Stoff und Papier gebauten Heissluftballon (Montgolfière) in die Lüfte steigen zu  lassen. Am 15. Oktober 1783 soll der mit Wolle und Stroh geheizte, gefesselte Ballon mit dem Piloten Pilâtre de Rozier während Minuten bis auf 26 Meter gestiegen sein. Erst am 21. November 1783 fand die erste bemannte Freiballonfahrt der Geschichte statt. Der Physiker Pilâtre de Rozier (1757 – 1785 / Erfinder der Rozière = Kombination Heissluft- und Gasballon) und der Offizier Marquis d’Arlandes waren in Paris aufgestiegen und erreichten in 20 Minuten eine Strecke von 12 km.

Kurz danach, am 01. Dezember 1783 stieg Prof. Jacques Alexandre Charles mit einem aus leichtem Stoff gebauten und mit Wasserstoff gefüllten Gasballon (Charlière) in Paris auf und soll  während seiner 20-minütigen Fahrt eine Höhe von 3'000 Meter erreicht haben.

Diese Aufstiege waren eine riesige Sensation auf der ganzen Welt. Viele träumten jetzt von unbegrenzten Möglichkeiten der Luftfahrt – andere verfluchten diese Höllenmaschinen und verdammten sie als Instrument des Teufels.

Nach der ersten Begeisterung wurde es dann aber während Jahrzehnten ruhig um die Luftschifffahrt. Nur einige Zirkusartisten und Abenteurer machten mit Ballonfahrten noch von sich reden. Allerdings wurden fast sämtliche Fahrten mit Gasballonen durchgeführt, da man noch nicht genügend Hitze erzeugen konnte um den Heissluftballon längere Zeit aufzuheizen.

Die erste Luftpost:
Fast 90 Jahre später erlangte der Gasballon den absoluten Höhepunkt in seiner Geschichte. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 hatten die Preussen die Stadt Paris belagert und sämtliche Strassen und die Wasserwege blockiert. Paris war während Monaten von der  Aussenwelt abgeschnitten.
Den in Paris ansässigen Mitgliedern der Compagnie des Aérostiers kam die Idee, Depeschen an die Exilregierung und Briefpost mit Ballonen auszufliegen und Nachrichten von ausserhalb mittels  Brieftauben in die belagerte Stadt zurückzubringen. Am 23. September 1870 (am 5. Tag der   Belagerung) startete ein Ballonpilot mit Bewilligung der Post- und Telegraphen-Direktion mit einem älteren Ballon aus der Stadt und landete nach einer Fahrt von 3:15 Std. und einer Strecke von 112 Km ausserhalb der preussischen Truppen. Er transportierte 125 Kg Post. Nach dieser geglückten Fahrt starteten weitere Ballone mit Erfolg. Da in Paris jedoch nur noch  5-6 Ballone vorhanden waren, begannen die restlichen Ballonfahrer in zwei leer stehenden Bahnhöfen, mit Heerscharen von Näherinnen und Matrosen, Hüllen, Netze und Körbe herzustellen. Mutige Freiwillige, vor allem Matrosen, wurden in einem kurzen „Trockenkurs“ zu Ballonpiloten ausgebildet um die Ballone auszufliegen. Für die Meisten war es die erste Ballonfahrt überhaupt.

Während der Belagerung von Paris starteten 64 Ballone, davon landeten 5 in Feindgebiet und 2 blieben im Atlantik verschollen. Es wurden 102 wichtige Passagiere (Militärs und Politiker) zur Stärkung der Exilregierung in Tours ausgeflogen. Ebenso wurden ca. 3 Mio. Depeschen und Briefe, sowie ca. 350 Brieftauben und einige Hunde transportiert. Dies war die erste Luftpost der   Geschichte.

Während dieses Krieges hat man auch versucht, die gelandeten Ballone für die Feindbeobachtung wieder einzusetzen oder ausserhalb der feindlichen Linien wieder mit Gas zu füllen und mit günstigen Winden nach Paris zurückzukehren. Der harte Winter und die schlechten Windverhältnisse brachten diese Projekte zum Scheitern.

Der Gasballon als wissenschaftliches Instrument:
Die durch den Krieg gesammelten Erfahrungen wurden in der Folge von Wissenschaftlern und Militärs ausgewertet. So auch in der Schweiz. Am 3. Okt. 1898 begann Prof. Albert Heim, Geologe und Glaziologe an der ETH Zürich, mit dem Ballonpionier Eduard Spelterini seine wissenschaftlichen Studien aus dem Ballonkorb.

Eduard Spelterini selbst begann 1893 mit fotografischen Aufnahmen aus dem Korb und wurde zum bedeutendsten Luftfotografen seiner Zeit. Er veröffentlichte ein einmaliges Fotobuch (Über den Wolken / 1928) und hielt etwa 600 Lichtbildervorträge auf der ganzen Welt.

Drei Jahrzehnte später startete der Physiker Prof. Auguste Piccard (1884 – 1962) zu seinen Ballonfahrten in die Atmosphäre. Am 18.08.1932 erreichte er von Dübendorf aus die Weltrekordhöhe von 16’940 m/M. Durch seine Luftdruckforschung bewies er den Zusammenhang von Temperatur- und Volumenänderung bei Gasen. Ausserdem war er der Erfinder der Druckausgleichskabine und des ersten Seismographen.

Fast in allen industrialisierten Ländern wurden ähnliche wissenschaftliche Experimente mit Gas-Ballonen durchgeführt und brachten wertvolle Erkenntnisse für die Technik der Zukunft.

Einsatz von Gasballonen für militärische Zwecke:
Leider wurde auch diese neue Errungenschaft auf die Tauglichkeit für den militärischen Einsatz geprüft. Der „70er Krieg“ brachte eine grosse Änderung der traditionellen Kriegsführung. Die Preussen setzten erstmals weit reichende Artilleriekanonen ein und transportierten Truppen und Material mit der Eisenbahn. Die Kanonen erlaubten es, Sprenggeschosse über grössere Distanz in die feindlichen Linien zu schiessen. Deshalb erlaubte der gefesselte Gasballon den Schiessoffizieren den Blick in die feindlichen Stellungen und ermöglichte per Draht die Übermittlung von Zielen und Korrekturen an die Artillerie. Fast in sämtlichen Armeen der damaligen Industriestaaten wurden am Ende des 19. Jh. militärische Ballonverbände aufgebaut. So auch in der Schweiz. Im Jahre 1897 hat der Bundesrat die Aufstellung eines Ballon-Bataillons unter der Führung von Oberst Theodor Schaeck genehmigt. Die erste Rekrutenschule wurde im Sommer 1900 durchgeführt. Neben den Beobachtungsballonen wurden im Ausland später auch Luftschiffe zur Aufklärung und Bombardierung eingesetzt. Diese Verbände waren somit die Vorläufer der späteren Fliegertruppen. Nach dem 1. Weltkrieg und dem Einsatz von effizienteren Flugzeugen, hatte der Ballon im militärischen Einsatz keine Chance mehr. Trotzdem wurde diese Truppe in der Schweiz erst im Jahre 1937 aufgehoben.

Der Gasballon in der Schweiz – und seine Pioniere:
Es war Kapitän Eduard Spelterini (Eduard Schweizer 1852 – 1931) der 1880 in Frankreich seine erste Ballonfahrt machte. Er war so begeistert, dass er sich als Student an der Académie des Aérostiers, Paris, einschreiben liess. Er wurde nach der Gründung unserer Ballontruppen zum Instruktor berufen. In seiner langen Karriere als Aeronaut machte er 570 Fahrten und transportierte 1237 Fahrgäste. Er machte wissenschaftliche Fahrten mit Physikern, Biologen, Medizinern und Geographen. Er starb am 16.06.1931 völlig verarmt in Zipf, A.

Die Ausbildung von Ballonpiloten in der Armee führte dazu, dass diese ihre „Fliegerei“ auch im zivilen Leben weiterführen wollten. Als Folge davon wurde am 31.03.1901 der Schweizerische Aero-Club (SAeC) in Bern gegründet. Mit gemieteten Ballonen aus Deutschland, und einige Jahre später mit einem eigenen Ballon „Helvetia“, konnten die Piloten ihren Passagieren die Schönheiten unserer Natur zeigen. Im Jahre 1908 beteiligten sich die beiden Militärpiloten Oberst Theodor Schaeck und Lt. Emil Messner an der internationalen Ballonweitfahrt „Gordon Bennett“. Mit Start in Berlin legten sie in 73 Std. 25 Min. eine Strecke von 1190 Km zurück und landeten in Bergseth / N. Sie gingen als Sieger aus dieser Wettfahrt hervor. Das Land der Sieger musste jeweils die nächste Wettfahrt organisieren. Folglich fand das „Rennen“ 1909 in Schlieren (Gaswerk), Zürich, statt. Die erfolgreiche Durchführung dieser Veranstaltung führte dazu, dass die im Grossraum Zürich wohnenden Piloten am 01.05.1910 den Ostschweizerischen Verein für Luftschifffahrt (OVL), eine Sektion des SAeC, gründeten. Dieser Verein wurde 1933 in die verschiedenen Spartenvereine (Ballongruppe Zürich, Motorfluggruppe, Segelfluggruppe) unterteilt und neu als Sektion Zürich des AeCS bezeichnet.

Aus der Ballongruppe Zürich gingen der bereits erwähnte Emil Messner, sowie die Piloten von Gugelberg (Mitgründer OVL) und Ernst Huber (Ing. ETH / Lehrbuch für Gasphysik) als Pioniere der ersten Zeit hervor. Nicht zu vergessen ist, dass Auguste Piccard in den 20-er und 30-er Jahren Mitglied (einige Zeit als Aktuar) dieser Gruppe war. Nach dem 2. Weltkrieg machte sich in der Ballonfahrt der bekannte Aeronaut Fred Dolder einen grossen Namen. Nach Spelterini widmete auch er sich vor allem der Alpenfahrt (über 50 Alpenfahrten). Seine jährliche „Dolder Ballooning Week“ in Mürren wurde weltbekannt.

Bis in die heutige Zeit führen verschiedene Gasballongruppen Passagierfahrten durch und ermöglichen vielen Personen das einzigartige Gefühl der Schwerelosigkeit und Ruhe im Ballonkorb – „dem Stehplatz am Himmel“.

Mit der „Rozière“ um die Welt:
Als wohl berühmtestes und aktuellstes Ereignis in der Gasballonfahrt dürfte die Non-Stopp Erdumrundung von Bertrand Piccard und seinem Copiloten Brian Jones mit dem Ballon Breitling Orbiter 3 sein. Am 21.03.1999, nach 19 Tagen 21 Std. 47 Min. und einer gefahrenen Strecke von 45'755 km, waren sie die ersten Menschen, die im Ballon ohne Zwischenlandung die Erde umkreisten. Der Start erfolgte in Château d’Oex; die Landung in der Wüste Ägyptens. Der speziell für diese Rekordfahrt konstruierte Ballon war eine so genannte „Rozière“, d.h. in einer Heissluftballonhülle wird ein mit Helium (nicht brennbares Gas) gefüllter Gasballon integriert. Die Erwärmung der Luft mit Gasbrenner in der Heissluftballonhülle führt dazu, dass der Auftrieb des Heliums konstant gehalten werden kann. Normalerweise würde sich das Gas in grosser Höhe oder in der Nacht abkühlen, das Volumen würde sich verringern – und der Ballon würde ins Sinken kommen. Um wieder an Höhe zu gewinnen, müsste Ballast abgeworfen werden um Eigengewicht und Tragkraft auszugleichen. Dieses Prinzip der Abhängigkeit von Temperatur und Volumen der Gase, das vom Grossvater von Bertrand Piccard bewiesen wurde, trug bei der erwähnten Rekordfahrt ebenfalls zum grossen Erfolg bei.

Die ungewisse Zukunft eines einmaligen Kulturguts:
Bis in die 60-er Jahre war der Gasballon in der Schweiz praktisch das einzige Luftfahrzeug „leichter als Luft“. Tausende von begeisterten Passagieren erlebten mit den Gasballonen unvergessliche Stunden bei Fahrten über unsere herrliche Natur. Ein Erlebnis der besonderen Art – vom Wind getrieben, ohne Kenntnis des Ziels – ein kleines, schönes Abenteuer. 

Dann erschienen die ersten Heissluftballone am Schweizer Himmel und verdrängten langsam den traditionellen Gasballon. Das neue Luftfahrzeug „Heissluftballon“ ist sehr mobil, ausgerüstet mit modernster Technik (Hülle und Brenner) und in kurzer Zeit praktisch überall einsatzbereit. Auch wenn die Fahrten mit „heisser Luft“ im Vergleich zum Gasballon von relativ kurzer Dauer sind und die Gasbrenner in kurzen Abständen ihr lautes Fauchen von sich geben, entspricht diese Art der Ballonfahrt der heutigen, rasanten Zeit. Die arbeitsintensive Füllung des Gasballons, der feste Startort bei einem Gaslieferanten, die längere Fahrtdauer, die Musse im Korb und die recht hohen Kosten einer Passagierfahrt, haben den Gasballon in der ganzen Welt fast verdrängt. In der Schweiz sind noch einige wenige Piloten berechtigt, dieses traditionelle, herrliche Luftfahrzeug zu fahren. Auch sind nur noch einige wenige Gasballone in Betrieb. Der Schweizerische Aero-Club (SAeC), resp. der Ballonverband (SBAV) versuchen seit einiger Zeit, mit allen möglichen Mitteln, den Gasballonsport zu fördern und am Leben zu erhalten. Wir alle hoffen, dass es uns gelingen wird, da sonst ein einzigarties Kulturgut „ins Museum“ geschickt werden müsste.